Die Gravel Bike Enttäuschung

Winter Gravel Ride

Wer braucht schon ein Gravel Bike …?

Schon wieder so ein Hype um eine neue Radgattung, von der ich anfangs dachte, das ist nichts Halbes und nichts Ganzes – Gravel Bikes braucht doch kein Mensch. Wenn ich Straße fahren will, dann nehme ich mein Rennrad, und wenn ich ins Gelände will, entweder mein Hardtail oder mein Fully. Dann fängt ausgerechnet meine Frau damit an, sich genau für diese Gattung zu interessieren, weil sie alles zu vereinen scheint. Und das zu einem Zeitpunkt, dem seltenen Moment, als ich mit der Auswahl meiner Räder tatsächlich zufrieden war und gerade mal nicht an die Anschaffung eines neuen Rades gedacht hatte.

Naja, wenn sie eins hat, dann brauch ich natürlich auch eins. Wir wollen ja schließlich zusammen fahren. Und wenn so ziemlich alle meine Radfreunde begeistert von Gravel Bikes schwärmen, ist ja vielleicht doch was dran.

 

Was macht ein Gravel Bike zum Gravel Bike?

Diese Diskussion kann schnell zu einem abendfüllenden Thema werden. Für manche ist es ein Rennrad mit etwas breiteren Reifen und Scheibenbremsen. Für andere gar ein Cross Rad mit aggressiver Geometrie und Stollenreifen. Für mich ist es ein Rad mit moderater Geometrie, breiteren, profilierten Reifen und Scheibenbremsen – auf dem Papier zumindest. Wie es sich für mich nach knapp einem Jahr verhält, dazu später mehr.

 

Die Enttäuschung ist groß – zunächst …

Nach ein wenig Recherche haben meine Frau und ich uns für Scott Räder entschieden. Mitunter auch deswegen, weil sie für uns beide jeweils passende Modelle hatten und wir bei Radsport Wagner in Weinheim extrem gut beraten wurden.

Meine Frau war sofort begeistert von der Leichtgängigkeit des Rades auf der einen und von der Robustheit auf der anderen Seite.

Ich selbst war zunächst enttäuscht: auf der Straße mit den profilierten Reifen nicht so spritzig wie mein Rennrad und im Gelände nicht so tough wie meine Mountain Bikes. Es hat einige Ausfahrten gebraucht, bis ich für mich begriffen hatte, dass das Gravel Bike auch überhaupt nichts in diesen Kategorien verloren hatte.

 

Ein neues Radleben

Das Gravel Bike eröffnet tatsächlich eine neue Radkategorie. Wenn ich mich auf ein einziges Rad beschränken müsste (zum Glück muss ich das nicht), dann würde ich ein Gravel Bike wählen. Es sind genau die positiven Aspekte eines Rades, das alles kann. Auf der Straße rollen und im Gelände Gas geben. Trails sind die einzige Einschränkung, die mit einem Gravel Bike nicht ganz so viel Spaß machen.

Das Gravel Bike hat mich die Liebe zum Radfahren wieder ganz neu erleben lassen: einfach losfahren, ohne Druck, ohne Stress – so wie damals, als wir uns nach der Schule zum Biken getroffen haben. Des Bikens Willen, einfach so. Aus Spaß.

Mit dem Gravel Bike kann ich ins Gelände abbiegen, wenn mich die Autos auf der Straße nerven. Ich bin Forstwege und Straßen gefahren, die ich vorher in dieser Kombination nie in Erwägung gezogen hätte.

Dadurch hat sich mein Radleben total verändert. Ich fahre einfach noch bewusster Rad und auch häufiger. Weiß wieder mehr meine anderen Räder zu schätzen und habe durch dieses neue Bewusstsein viele neue und großartige Bekanntschaften geschlossen.

 

Wenn mich also heute jemand fragt: Wer braucht schon ein Gravel Bike? So antworte ich: JEDER!

 

Einen sehr guten Versuch einer Definition des Gravel Bikens findet ihr auch im Gran Fondo Magazin. Der ist so gut, dass ich mich geradezu genötigt fühlte, meinen bis dato einzigen Leserbrief überhaupt zu schreiben.

3 Kommentare bei „Die Gravel Bike Enttäuschung“

  1. Wer ein Gravel Bike braucht? Niemand.
    Wir wissen alle, dass die Fahrradhersteller regelmäßig eine neue Sau durchs Dorf treiben müssen. Und das ist mit den Gravels nicht anders. Nur, dass einige Rennradler jetzt plötzlich entdecken, dass man auch Schotter fahren kann, ohne dass die Reifen kaputt gehen. Glückwunsch zur späten Erkenntnis.

    Mit meinem Felt QX90, einem Crossrad, konnte ich das schon 2010. 28er Räder, 40 mm Reifen, eine Federgabel mit Lockout, hydraulische Scheibenbremsen… alles schon da gewesen, und sogar besser als bei den aktuellen Gravels. Ich weiß ja nicht, wie Du im Gelände fährst, aber ich bin schon froh, dass ich vorne gute 60 mm hab, die grobe Schläge abfedern. Warum sollte ich zudem eine vorgebeugte, stark vorderradlastige Haltung einnehmen, wenn ich im Gelände eine neutrale Position zwecks Kontrolle brauche?

    Nee, sorry, ein Gravel Bike ist nichts weiter als ein Marketinghype, den Großstadthipster gerne aufgreifen. Ein ernstzunehmendes Radkonzept ist das nicht.

    1. workridebalance sagt: Antworten

      Hi Norman,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Das ist doch das Tolle am Radfahren: nichts MUSS alles KANN. Fühle mich auf dem Gravel Bike im Wald total wohl. Trails fahre ich kaum und genieße die Leichtigkeit auf Schotterwegen. Dass das alles möglicherweise schon mal da war, spielt für mich bei der persönlichen Betrachtung keine Rolle.

      Viele Grüße
      Stefan

      1. Hi Stefan.

        Hmm, wahrscheinlich darf man die Gravel-Thematik nicht von der MTB-Seite betrachten, sondern von der eines Roadbike-Fahrers, dessen natürliches Habitat die Straße ist. Mit einem GB hat dieser Racer dann plötzlich die Möglichkeit, auch auf Gelände fahren zu können, wo er früher hätte schieben müssen. Und da wiederum stellt sich die Frage, warum die Dinger nicht schon viel früher rausgenommen sind. 😉

        Für mich bedeutete Radfahren schon immer, dort unterwegs zu sein, wo ich wollte; Geschwindigkeit musste sich entsprechend der Entdeckerneugier unterordnen. Das Rad muss das dann mitmachen: Mit einem meiner ersten Räder, einem Raleigh Wild Cat’s Blues, mit Starrgabel und viel zu hohem Oberrohr, bin ich damals auch im Gelände rungekurvt. Und es machte sogar ’nen Ausflug in den Bike Park mit…

        Insofern: Viel Spaß mit Deinem Gravel!

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